Der Naturschutz, Flächennutzungsplan, Anhörung & Wir

Ein halbes Jahr nach dem Kauf von Martin & Teresas Grundstück, im südlichen Brandenburg, ereilte uns ein Brief der zuständigen Naturschutzbehörde. Unser Agrarland liege in deren Gebiet; obwohl als Landwirtschaftsfläche ausgeschrieben, dürften wir unser Grundstück nicht mehr befahren, oder bewirtschaften. Ein riesiger Schock.
Nach einigem Hin und Her, Geräume und einem Vor-Ort-Termin konnte uns das Amt so weit entgegenkommen, dass uns die Ansiedlung von Obstbäumen und Sträuchern, die dazugehörigen Sickergräben erlaubt wurden. „Camping“, wie auch Gemüsebau bleiben weiterhin untersagt. Selbstversorgung und nomadisches Leben im Wohnmobil … schwer möglich.


Hier nun unser Antwortschreiben – unser Selbstverständnis:

vielen Dank für Ihren Brief (AZ: 63 -30xxxxxx) zu unserem Flurstück. Dieser sowie die Anschuldigung wegen „unberechtigtem Benutzen und Befahren“ unseres Grundstücks hat uns sehr überrascht. Es ist nachvollziehbar, dass Sie im Sinne des Umweltschutzes handeln möchten, unser Grünland kritisch betrachten und um eine Stellungnahme beten. Dieser wollen wir hiermit nachgehen.

Wir, Martin und Teresa, arbeiten als Onlineblogger, Publizisten, Journalisten, Vortragende, Künstler und Filmemacher. Uns ist es ein besonderes Anliegen, unsere Natur und das Zusammenleben mit ihr in den Mittelpunkt zu rücken. Wir sind u.a. mit dem im Anschreiben beschriebenen Wohnmobil um die Welt gereist, über die Mongolei bis in den Iran, und haben über unsere eindrücklichen Erlebnisse berichtet: Völkerverständigung, Auflösung von Vorurteilen, Müllproblematiken. Nun berichten wir über nachhaltigen Anbau und Landwirtschaft, Minimalismus, Recycling und Ökologie. Ebenso bei diesem Projekt, über welches wir in allen sozialen Medien in Bild, Film und Text kommunizieren und Hunderttausende erreichen.
Im Februar 2019 kauften wir ein Stück Agrarland, um genau dieses Experiment zu wagen. Gartenbau. Unkonventionelle Wege beschreiten. Ruhe im Wald finden. Bäume pflanzen. Sauerstoff nebst Obst und Gemüse produzieren. Als Künstler ein Freiraumatelier für neue Ideen kreieren. Darüber berichten und das eigene Handeln zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion machen. Zum Nachdenken anregen. Auch mit diesem Text. Unseren dreiviertel Hektar Land fanden wir nun am Naturschutzgebiet. Unseres Wissens nach nicht im Naturschutzgebiet, denn sonst hätten wir uns dieses Stück Land nicht ausgesucht. Ärger mit Ihrer Behörde möchten wir uns auf keinen Fall an Land ziehen. Dies wäre ja kontraproduktiv für ein erfolgreiches Miteinander als Gesellschaft und im Naturschutz. Neben uns bellen die Hunde auf dem Hundesportplatz. Menschen fahren mit ihren Autos und Tieren genau dort hin, um diese frei laufen zu lassen, sitzen zusammen in ihrem Vereinshaus und trinken ihr Bier (auf Ihrem Satellitenfoto zu sehen). Auf dem anderen
Nachbargrundstück (auch im Naturschutzgebiet?) fährt der Traktor und mäht die Wiese, um seine Tiere zu füttern. Im 200m entfernten See baden Familien und genießen die Ruhe im Wald. Jahrzehntelang wurde der Wald durch die Militärobrigkeit gerodet und für die Öffentlichkeit gesperrt (noch immer findet man genügend Übungsmunition und Müll im Naturschutzgebiet), nun scheint das Baden schon wieder verboten zu sein. Aus Gründen, die keinem plausibel erscheinen. Die Bevölkerung wurde ja nie gefragt.
Es ist unser aller Land. Natur ist doch für alle da, so lange man keinen Schaden anrichtet. Wer sollte es ihnen verbieten und warum?
Der zuständige Förster ist ebenso der Überzeugung, dass das Naturschutzgebiet erst hinter unserem Flurstück beginnt. Der Landwirt und vorheriger Besitzer, nutzte dieses als Spargelfeld und die letzten Jahre nur noch als Futterwiese. Wir fragten mehrmals nach: Auf dem Gelände bestünde kein Naturschutz. Anfang der neunziger Jahre kaufte er dieses Stück aus dem Naturschutz heraus. Auch die Notarin bestätigte uns, laut Grundbuch sei unser Flurstück Agrarland. Bevor wir dieses erwerben konnten, mussten wir die Inanspruchnahme des Vorkaufsrechts vom Land Brandenburg, der Gemeinde sowie des Naturschutzbundes abwarten. Keine Partei machte davon Gebrauch, dies unterstützte unsere Annahme als Nicht-Naturschutzgebiet zusätzlich. Wir berufen uns nun auf unseren Grundbucheintrag. Der Bürgermeister besuchte uns im Sommer spontan auf unserem Grünland – beim Anlegen des in Ihrem Anschreiben erwähnten Teiches – und empfahl uns den Obst- und Gartenbauverein, um hier alte Obstsorten anzusiedeln. Auch er geht, nach erneutem Gespräch, von einer anderen Naturschutzgrenzlinie aus.

Mittlerweile sind wir Mitglied in diesem Verein und werden an der Baumpflanzaktion im Oktober mit unserem Grundstück teilnehmen. Denn dass unser Land/ unsere Welt mehr Bäume braucht, ist mittlerweile auch endlich auf politischer Ebene in allen Parteien angekommen.

Bisher wurde das Gras auf unserem Flurstück von seinem Vorbesitzer mehrmals jährlich gemäht und abtransportiert. Die Humusschicht beträgt maximal 10cm. Von einer „natürlichen Umgebung“ kann auf diesem Fleck Erde nicht gesprochen werden. Wenn wir nun – wie von Ihnen gefordert – den Zustand des Geländes wie zum Zeitpunkt des Kaufs wiederherstellen sollten, müssten wir wohl so einige große Säcke Müll (Bauschutt, Plastik, Dachpappe, alte Schuhe im Erdreich) verteilen und neu entstandene Pflanzenvielfalt vernichten.

Der Boden wurde über die Jahre systematisch ausgelaugt und durch den Abtransport der Biomasse dauerhaft geschädigt. Dieses Phänomen ist überall um das Naturschutzgebiet herum beobachtbar. Kaum Wildblumen sind vorhanden. Wir halten es gesamtgesellschaftlich nicht für zuträglich, die Energie des Naturschutzes lediglich in ein bestimmtes Gebiet (6% der Gesamtfläche Deutschlands) zu investieren und Menschen mit Naturschutzbestrebungen daran zu behindern, während überall herum die Agrarlobby mit ihren Düngern die Böden tötet (nahezu 50% Deutschlands sind Landwirtschaftsflächen, die „konventionell“ bewirtschaftet und ausgelaugt werden).

Vielleicht haben wir in ein paar Jahren 6% Naturschutzfläche mehr geschützt, während die restlichen Flächenprozent Deutschlands immer weiter sterben und mit Industrie zugebaut werden. Laut Klimaschutzkonferenz bleibt uns schlichtweg keine Zeit mehr für „Spielchen“ dieser Art, es ist an uns allen, nun endlich aktiv zu werden – auch über die bundes-/weltweiten Klimaschutzdemonstrationen hinaus. Unsere Sommer werden trockener und heißer, der Grundwasserspiegel sinkt kontinuierlich. (Dies war wesentliches Thema der letzten Obst- und Gartenbauvereinssitzung, welche in dieser Gegend schon jetzt dramatische Ausmaße annimmt). Die Böden und Gewässer sind voll von Chemie und Antibiotika durch Gülle der Massentierhaltung.

Uns geht es um genau dieses – weltweite – Problem. Dem Boden wird seit Jahrzehnten Material entnommen und nichts Sinnvolles zugeführt. Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Die Arktis und der Amazonas brennen, die Meeresspiegel steigen, die weltweiten Temperaturen auch, Regenwälder werden systematisch für Kosmetika und Fleischgewinn abgeholzt, Schüler gehen für ihre Zukunft auf die Straße, deutsche Städte rufen den Klimanotstand aus, alter Mischwald wird für die aussterbende Kohleindustrie gerodet, nur damit wir in unserem übertriebenem Wohlstand weiter leben können.

Wir möchten es anders machen. In Eigenverantwortung. Als Kunstprojekt, als Initiative für einen respektvolleren Umgang mit der Natur. Und für diese Arbeit benötigen wir einen Platz.

Nun möchten wir Ihnen unsere Ansätze zu diesem Flurstück schildern: Inspiriert von permakulturellen Konzeptionen (Buchtipp: Bill Mollison – Permakultur I&II) wollen wir unsere – liebevoll genannte – Steppe renaturieren. Das Gras wird nun nicht mehr gemäht, sondern darf so hoch wachsen, wie es möchte. Wo sonst sollen Insekten sich ausbreiten? Ein Bienenvolk soll angesiedelt werden, denn auch diese sind vom Aussterben bedroht. Nur vereinzelt werden Buchten mit der Sense frei geschlagen und die Biomasse wird wieder in den Boden eingebracht. In mehreren Becken sammeln wir Regenwasser und können damit Sträucher und dazwischen Gemüse wachsen lassen. Soweit unsere Vision. Nicht nur einjährig. Ein mehrjähriges Projekt. Auch die Begrünung der großen Fläche mit Obstbäumen, heimischen Pflanzen und Mischwald braucht Wasser, welches wir nicht herantransportieren wollen, sondern nur vom Himmel einsammeln werden. Dieses neue Mikroklima um ca. 50m³ verteiltes Regenwasser wird Insekten, Pflanzen und Tieren anlocken (bereits jetzt können wir einen beträchtlichen Zuwachs in der Wasserläufer-, Libellen- sowie weiteren Insektenvielfalt erkennen). Im Zusammenhang mit eingearbeitetem Grünabschnitt können nun auch auf der freien, halbtoten Wiesenfläche kleine Inseln aus Strauch und Baumwerk angelegt werden, welche den Boden stabilisieren, Wasser speichern, Schatten werfen und neue Humusschichten anregen. Unser Gelände ist seit vielen Jahrzehnten zur Hälfte eingezäunt (das Nachbargrundstück ist es komplett), zum Wald hin offen. So haben wir es gekauft. Wir beabsichtigen dies genauso zu belassen, um Tieren eine ungehinderte Wanderung zu ermöglichen. Nur einzelne Obstbäume und die Gemüsebeete werden separiert, was auf einer landwirtschaftlichen Fläche ja durchaus üblich ist.

Der „Müll“, welchen Sie auf einem Foto entdeckt haben wollen, ist fein säuberlich unter Planen abgedeckt und dort für zukünftige Kunstprojekte zwischengelagert. Balken, Fenster, Belüftungsrohr, Türen, wiederverwendete Hohlkammer-Wahlplakate zur Dämmung. Alles recycled, um diesen Materialien einer Zweitnutzung zuzuführen. Ein Thema, was sehr viele Menschen beschäftigt und mit welchem wir uns intensiv auseinandersetzen in unserer Wegwerfgesellschaft. Der überbordende Konsum stellt ein immenses Problem der der westlichen Länder dar und rückt sehr langsam ins Bewusstsein unserer Bürger. Darüber publizieren wir. Gewächshaus, Geräteschuppen und Unterstände zur Lagerung sind der Renaturierung und landwirtschaftlichen Nutzung des Geländes nicht abträglich und wollen in den nächsten Monaten realisiert werden.
Dabei wähnten wir uns im Recht, auf unserem eigenen Grund und Boden Dinge zu lagern, die wir für unser Agrarprojekt für nötig erachten. Wenn wir Müll/ Altlasten (Dachpappe, Autoreifen, usw.) auf unserem Grundstück finden, werden diese fachgerecht entsorgt oder einer Zweitverwendung zugeführt (Autoreifen als Müll zu verbrennen ist in der Abfallwirtschaft zwar scheinbar normal, trotz dessen könnten diese noch jahrzehntelang überdauernde Pflanzschalen darstellen, wenn man sich auf den Gedanken einlässt). Es ist uns bewusst, dass kein festes Bauwerk auf diesem Grund stehen darf. Das ist auch nicht der Anspruch. Die 2,5m x 2,5m große, von Ihnen angesprochene „Bude“ stellt ein erstes Pilotprojekt dar. Diese wurde aus alten Wahlplakaten und Heu aufgebaut und mit aussortierten Fenstern vervollständigt. Über dieses Kunstprojekt wird medial berichtet und soll die Wiederverwertbarkeit und Recyclingfähigkeit aufzeigen und alternative Dämmmöglichkeiten erläutern. Insbesondere nach der Landtagswahl hängen die Straßen voller Wahlplakate, was passiert mit diesen nach ihrer Verwendung? Diesbezüglich wollen wir beispielhaft zum Nachdenken anregen.

Und um auf Ihren nächsten Vorwurf Bezug zu nehmen: Mit dem eigenen Auto nicht auf sein eigenes Gelände fahren zu dürfen, erscheint uns am ehesten als fragwürdig [§ 16/2 LWaldG Brandenburg]. Warum sollte man das einem Landbesitzer verwehren (nach Absatz 3)? Wir können Ihre Bedenken verstehen und befürworten – wie Sie hoffentlich feststellen konnten – den Naturschutz ebenso wie seine so wichtige Berichterstattung. Alle oben aufgeführten Personen gehen von einem Missverständnis der Naturschutzgrenze aus. Sollte dies wider erwarten nicht der Fall sein, möchten wir Zeit und Möglichkeit einer Sonderregelung erbitten, um hier eine Oase der Ruhe zu schaffen, die der Natur und den Menschen gleichermaßen dient, auch mit einem Bildungsanspruch in den Medien. Gern in Zusammenarbeit mit Ihrer Behörde, um möglichen Konflikten entgegenzuwirken und um an einem Strang zu ziehen. Wir erhoffen uns eine Zusammenarbeit auf Basis von Verständnis und gesundem Menschenverstand, statt starren Regelwerken und im gegenseitigen Respekt und waren deshalb enttäuscht, die in Ihrem Anschreiben angefügten Fotos vorzufinden, welche lediglich durch Betreten unseres Geländes entstanden sein können. Für weitere Vorgehen dieser Art erbeten wir uns eine kurze Kontaktaufnahme Ihererseits.

Regelmäßig werden wir zu Vorträgen und Workshops als Sprecher eingeladen mit Themen wie Nachhaltigkeit, Ökologie, Minimalismus, umweltverträgliches Reisen und Naturschutz. Dies liegt uns sehr am Herzen. Von unserem Onlinepublikum bekommen wir wöchentlich Anfragen auf einen Besuch bei uns, um unser Leben in und mit der Natur mit dem geringstmöglichen, ökologischen Fußabdruck kennen zu lernen. Bis jetzt lehnten wir die Besucheranfragen ab, da wir selbst hier einen Rückzugsort gefunden haben, einen Ort für ausgedehnte Spaziergänge, Lektüre und kreative Projekte.

Was wäre aber, wenn durch eine Sonderregelung für unser wertvolles, kleines Flurstück viel mehr für den Naturschutz über diese Grenze hinaus entstehen würde, einfach weil mehr Menschen aus dem stressigen Stadtleben hier einen Einblick bekommen, wie wohltuend die Ruhe sein kann, wie schützenswert unsere Natur ist? Was wäre, wenn anhand unseres kleinen Permakulturprojekts und die Publikation darüber Menschen miterleben könnten, wie elementar Regen, die Klimaveränderung, der langfristige, nachhaltige Gedanke bezüglich Landwirtschaft im allgemeinen ist? Was wäre, wenn wir durch unsere genau abgewägten Projekte auf unserem Grundstück und deren Thematisierung einen Raum für Diskussion, Reflektion und zukunftsorientiertes, ökologisch verträgliches Miteinander schaffen könnten? Denn dies braucht unser Planet dringend. Und wir dafür einen geduldeten Aufenthaltsort.
Sämtliche Politiker propagieren die Wiederbelebung des ländlichen Raums und wollen neue Unternehmungen ansiedeln. Doch das braucht Platz für junge Leute, Kreativität, Eigenverantwortung und Innovation. Politische Mitbestimmung ist hierbei der erste Weg, um eingefahrene Pfade zu verlassen und einer zukunftsfähigen Gesellschaft, im Einklang mit der Natur, Raum zu geben. Wir sehen, dass unser Projekt im Endeffekt die selben Ziele hat, wie die Naturschutzbehörde auch. Außerdem sind wir überzeugt davon, dass unsere Öffentlichkeitsarbeit gegenüber dem Aufwand der Erstellung einer Sondernutzungsregelung für unser Flurstück einen ungleich größeren Mehrwert für unsere Gesellschaft darstellt. Am leichtesten und stressärmsten wäre es wohl für uns aufzugeben. Doch wir möchten für unsere Vision einstehen, eine Vision, welche weit über unser persönliches Wohl hinausgeht: Eine Sensibilisierung unserer Gesellschaft bezüglich Nachhaltigkeit, Umweltschutz und reflektiertem Konsum. Sehen Sie darin nicht auch ein akzeptables, bzw. sogar unterstützenswertes Projekt? Von jungen Leuten mit einer Vision für ein besseres Morgen für alle?
Wir bedanken uns für Ihre Zeit und freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit. Martin Zech & Teresa Dieckmann

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